Editorial des KVV Medien&Bildung für das Sommersemester 2007

Um den Erfolg von Social Software zu begründen –wir sprechen von Blogs, Wikis und sonstiger Community-Software, die sich anschickt, dem kollektiven Hirn eine digitale Infrastruktur zu bieten– wird oft auf das Phänomen »Emergenz« verwiesen. Volkstümlich formuliert man: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«.

Social Software Design zeichnet sich dadurch aus, sich auf ein verhältnismäßig loses konzeptionelles Gerüst zu beschränken, das als »Möglichkeitsbedingung« für Phänomene der Emergenz im kollektiven Nutzerverhalten dient. Erst die Anwender formen das Gesicht der Anwendung nach dem »bottom up« Prinzip, in einem kollaborativen Prozess mit nur teilweise vorhersagbarem Ausgang. Sie bilden als Ergebnis unzähliger kleiner Akte eine komplexe Struktur, eine Formation, die der Anwendung ihren Charakter und Nutzen gibt.

Unser Titelbild zeigt eine Tanzszene aus einem Film von Busby Berkeley, einem legendären Musical-Choreographen und Regisseur des frühen Hollywood. Berkeley hatte schon in Inszenierungen am Broadway durch kleine Anweisungen abstrakte temporäre Ornamente der Masse entfaltet. Ab Anfang der dreißiger Jahre nutze er zusätzlich die Möglichkeiten des Mediums Film –Kameraperspektive, Kamerafahrten, Bildausschnitt, Schnitt– um diese einzufangen, umzudeuten und darzustellen. So wurde er zum Pionier der Durchdringung der ästhetischen Potenziale des Films und ein maßgeblicher Erforscher seiner Formensprache.

Wenn wir am *mms über »neuen Wissensformationen und –formatierungen« nachdenken, von »Bildung im Neuen Medium« reden und neue Lehr- und Lernszenarien einfordern, dann sehen wir die Rolle des Pädagogen ähnlich der Busby Berkeleys, als er den ersten Schritt in Richtung Leinwand ging: Er muss (auch) zum Medienforscher werden. Wir stehen immer noch am Anfang eines Medienumbruchs, und daraus erwachsen gerade für die Pädagogik eine Menge Fragen, denn Medien waren schon immer ein zentraler Bestandteil des Vermittlungsprozesses: Bücher, Tafeln, Lehrer…

Wie können digitale Infrastrukturen wie zum Beispiel Social Software und ihre Emergenz-Effekte genutzt werden, um Bildungsprozesse zu initiieren? Wie können diese choreografiert, eingefangen, umgedeutet und dargestellt werden? Wie wird aus einer Formation, die sich im Kollektiv bildet, eine schöne, nützliche, lehrreiche?