Editorial des KVV Medien&Bildung für das Wintersemester 2007

Die architektonische Moderne war der Resonanzboden einer Planungseuphorie. Wenn man nur vorausschauend und gewissenhaft genug plant, so glaubte man, also die Bedürfnisse der Zukunft erkennt, ihre Details auf dem Reissbrett ausarbeitet und die Anweisungen präzise formuliert, wird das Bauvorhaben gelingen. Der Masterplan wurde geboren und zeitigte viele einschneidende Ergebnisse: die autogerechte Stadt für den fließenden Verkehr, Hochhaussiedlungen auf der grünen Wiese für die wachsende Bevölkerung, Schulen und Universitäten mit ungeheuren Raum- und Verwaltungskapazitäten, um den Bildungsauftrag erfüllen zu können.

Heute bauen wir um. Die meisten Städte schrumpfen, die Autos werden aus dem Stadtkern ausgesperrt, die Schulen und Universitäten werden hastig reformiert. Viele der lautstark prognostizierten möglichen Zukünfte sind so nicht eingetreten, und viele großmaßstäbliche Planungen haben die Entwicklung unseres Gemeinwesen sogar eher behindert als befördert.

Mitte der siebziger Jahre formulierte der Architekt Christopher Alexander einen Gegenentwurf zur modernen Stadtplanung. Er forderte, das Bauen nicht mehr als nachgelagerten Prozess des Planens zu verstehen, sondern so wenig wie möglich zu planen und sämtliche für den Bau konstituierenden Entscheidungen gemeinsam mit den zukünftigen Nutzerinnen auf der Baustelle zu treffen. Alexander ging es darum, ein stetiges Werden zu rahmen und zu begleiten und den Spielraum für spontane Entscheidungen zu erweitern, die sich aus dem Wesen des Bauvorhabens und den Bedürfnissen der Involvierten ergeben. Sein Entwurf visioniert eine partizipatorische Repolitisierung der Architektur.

Dass die Universität zur Zeit eine Baustelle ist, wird keinem entgangen sein. Selten war so viel in Bewegung. Und die so genannten Neuen Medien spielen in der Konstellation der Triebkräfte eine nicht unwesentliche Rolle. Dazu der Bildungstheoretiker Werner Sesink: „[Der]… allgemeine Einsatz Neuer Medien in der Bildung ist nicht nur die Fortsetzung der gewohnten Bildung mit neuen Mitteln, sondern wird zu Umstrukturierungen führen, die heute noch schlecht absehbar sind. Die Bildungseinrichtungen werden sich darauf einstellen müssen, dass sie zu permanenten Baustellen werden. ‚Under construction’ wird keine vorübergehende Behinderung des Betriebs mehr anzeigen, sondern die neue Grundverfassung.“

Die Baustelle als neue Grundverfassung? Always Beta? Und wer sagt, wo es lang geht auf der Baustelle? Doch wieder nur die professionellen Planer, Verwalter und die Architekten der Macht?
Für uns alle stellt sich die Frage, wie man die Universität wieder belieben kann, wenn der Bologna-Masterplan, die Studiengebühren und andere politische Maßnahmen erst einmal umgesetzt sind.
Wir am *mms fragen uns speziell, was die »Neuen Medien« leisten können, um ein basisdemokratisches Gegengewicht zum allgemeinen Top-Down-Drift des Reformprozesses zu bieten. Wie können wir sie einsetzen, um auf der Baustelle mitzureden? Wie können digitale Tools konstruktive Möglichkeiten für alle Betroffenen eröffnen und sie zu Mitgestaltern ihrer Lebenswelt machen?
Wir glauben – das lernen wir vom Phänomen Web 2.0 – dass die Kraft vernetzter digitaler Infrastrukturen in der Bildung und Formierung von Öffentlichkeit liegt. Social Software kann als hocheffektives Tool für den Dialog und die Organisation von Interessen dienen. »Bildet Banden« heißt heute auch: »Bildet Communities«.
Auf diesem Hintergrund begreifen wir das Prinzip Baustelle als Chance. Auf ihr haben wir, wenn wir das Bauen im Sinne Christopher Alexanders verstehen, die Möglichkeit, uns einzumischen.

In diesem Semester startet unser Vernetzungs- und Integrationsprojekt ePush, das in einer Laufzeit von zwei Jahren damit befasst sein wird, Projekte mit Neuen Medien an der Fakultät zu sichten, zu unterstützen, aufeinander abzustimmen und im Bedarfsfall zu ergänzen. Als ein zentrales Vorhaben innerhalb von ePush betrachten wir die Etablierung einer Fakultätscommunity, die als Forum zur Begleitung des Prozesses dienen soll. Wir wollen dort ihre Meinung (nicht nur) zu unseren Ideen hören und ernst nehmen und einen kommunikativen Raum bieten, den alle Mitglieder der Fakultät mitgestalten können. Bitte reden sie auf unserer Baustelle mit.

Einen guten Start ins Sommersemester wünscht

Timo Meisel