In Kooperation mit dem Medienkompetenzzentrum des RRZ zeichnet das eLearningBüro  seit September 2007 Vorlesungen, Tagungen und andere Veranstaltungen mit Hilfe des Lecture2Go-Systems auf. Andere Fakultäten wie die WiSo-Fakultät zogen mit eigenen eLearningBüros nach, inzwischen werden uniweit alle Videos auf der zentralen Lecture2Go-Plattform des RRZ gehostet. Vor allem in viel besuchten Grundvorlesungen wie zum Beispiel in den Bereichen Psychologie (EPB-Fakultät) oder VWL (WiSo-Fakultät) sind die Aufzeichnungen inzwischen fest etabliert. Doch welche Vorteile bieten die Mitschnitte eigentlich?

Vorlesungsaufzeichnungen: Eine Idee mit Tradition

Die Idee, Video-Aufzeichnungen und –Mitschnitte als Lernform zu nutzen, ist keineswegs ein neuer Hype, der aus Web 2.0 Phänomenen entstanden ist, oder der gar eine Art Fast-Food-Learning darstellt. Es ist im Gegenteil ein wesentlich älteres und etablierteres Konzept, als es zunächst erscheinen mag: Seit 1967 haben sich über 60.000 Menschen über das Telekolleg des öffentlich rechtlichen Rundfunks weiter gebildet und einen Abschluss erreicht. 1998 wurden die letzten Vorlesungen von Niklas Luhmann aufgezeichnet, und zählen als Tondokument und in Schriftform inzwischen zur Basisliteratur der Soziologie.

Neue Möglichkeiten des digitalen Formats

Das wirklich Neue an der Aufzeichnung und Bereitstellung von Vorlesungen ist, dass sich die Produktion und Distribution dank PC und Internet rasant vereinfacht und beschleunigt! Je nach Anspruch reichen schon eine Kamera und ein schneller Internet-Anschluss, um Tutorials und ähnliche Videos auf Youtube zu veröffentlichen, wo interessierte Zuschauer sie von überall abrufen können. Mit nur wenig mehr Aufwand lassen sich eigene, themenspezifische Plattformen mit hochwertigen Aufzeichnungen von Vorträgen und Kursen bereitstellen – gerade wenn diese Inhalte im universitären Kontext bereits existieren, also nicht erst für die Aufzeichnung neu konzipiert werden müssen.

Universitäten als Anbieter von Videocontent

Doch die technische Machbarkeit allein kann weder Argument für die Produktion sein, noch den rasanten Anstieg an Podcasts und Video-Angeboten aus dem Bildungsbereich erklären. Es scheint vielmehr einen Bedarf dafür zu geben. Die Nutzerzahlen der Bildungssparte von Youtube (Youtube.com/edu), wo vor allem renommierte amerikanische Universitäten wie das MIT oder die UCLA veröffentlichen, sprechen für sich: Die über 1200 Videos des MIT wurden insgesamt über zwölf Millionen Mal aufgerufen – das sind im Durchschnitt 10.000 Aufrufe pro Video. Zu den Spitzenreitern zählen dabei auch Mathematik-Vorlesungen mit über 100.000 Aufrufen, es ist also nicht so, dass nur „leichte Kost“ nachgefragt wird.

In Deutschland ist eine derartige öffentliche Zentralisierung wie bei Youtube.com/edu noch nicht zu finden. Die meisten Universitäten vertrauen lieber auf eigene Plattformen, wenn sie überhaupt Videos anbieten, und oft sind diese dann nur eingeschriebenen Studierenden zugänglich. Eine leicht paradoxe Situation, wenn man bedenkt, dass die Universitäten von der Öffentlichkeit getragen werden und ihr damit verpflichtet sind – während die Amerikanischen Institutionen, die zum Teil fast ihre gesamte Lehre veröffentlichen, privat finanziert sind.

Die zentrale Frage ist jedoch: Wer nutzt diese Videos, und wie werden sie genutzt?

Öffnung, Flexibilisierung und neue Lernstrategien

Für Studierende gibt es grundsätzlich zwei Szenarien, Vorlesungsmitschnitte zu nutzen: Entweder als Ersatz für die Präsenzveranstaltung, oder als Ergänzung. Es ist natürlich klar, dass ein Video, egal wie gut es aufgezeichnet wurde, die Intensität und Möglichkeiten einer vor Ort gehörten Vorlesung nicht ersetzen kann. Rückfragen sind weder während noch nach der Vorlesung möglich, ebenso sind die Zwischenfragen der Anwesenden in Aufzeichnungen selten zu verstehen. Es gibt jedoch zweifelsfrei Studierende, die auf Grund von Job, Kindern oder Krankheiten nicht jede Veranstaltung besuchen können, und so die Möglichkeit haben, trotz Hindernissen einzelne Termine oder die komplette Vorlesung nachzuholen. So existieren bereits ganze Studiengänge, die solchen Studierenden mit Videos, Online-Plattformen und Wochenendseminaren ein Studium neben Job und Kind ermöglichen. Die Virtuelle Fachhochschule, eine Kooperation von 10 Deutschen und Schweizer Fachhochschulen, ist eines dieser Angebote.

Doch auch „ganz normale“ Studierende profitieren davon, wenn die Vorlesungen, die sie besuchen, aufgezeichnet werden – jenseits von flexibler Zeiteinteilung. Denn das Wissen, dass eine Vorlesung mitgeschnitten wird, ermöglicht ganz andere Lernstrategien. Statt in der Präsenzveranstaltung möglichst viel mitzuschreiben, kann man sich ganz darauf konzentrieren, das Gesagte wirklich zu verstehen und nachvollziehen – denn es steht ja jeder einzelne Satz auf Video zur Wiederholung zur Verfügung. Sollte der Dozent einmal in einer schwierigen Passage zu schnell sein, so kann man beim Aufarbeiten noch einmal Satz für Satz den genauen Wortlaut rekapitulieren. Gerade wenn es um komplexe Zusammenhänge oder mathematische Formeln geht, bietet diese Strategie Vorteile gegenüber den klassischen Vorgehensweisen. Eine Studie unter Medizinstudenten an der LMU München ergab, dass genau diese Lernstrategie der Kombination von Präsenzveranstaltung und Aufzeichnung die erfolgreichste ist. Studenten, die beide Angebote nutzten, erzielten in der Klausur bessere Ergebnisse als diejenigen, die nur eine der beiden Möglichkeiten nutzten.

Bei den enormen Nutzungszahlen einiger Vorlesungsmitschnitte auf Youtube ist natürlich anzunehmen, dass diese nicht nur von Studierenden der jeweiligen Universität genutzt werden, sondern auch von externen Interessierten – Sei es zur persönlichen Weiterbildung, um ein Studium an einer anderen Uni zu ergänzen, oder weil es vielleicht in ärmeren Ländern für einige der einzig mögliche Zugang zu höherer Bildung ist.

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Malte Mertz 2010