Editorial des KVV Medien&Bildung (*.pdf ca. 4,1mb) für das Sommersemester 2011.
Das Editorial zum Thema „Mobile“ besteht diesmal aus einzelnen Fragmenten – Microcontent sozusagen – optimiert für das Lesen „On the go“.

  • Von Oszillation, Rotation und selbstgetriebenen Maschinen

    Die Medientheorie oszilliert zwischen Anwendung und Reflektion. Ihr Forschungsgegenstand ist gleichzeitig Werkzeug und Werkstück. Aus diesem Grund gibt es hier kein dauerhaftes Außen, keinen Stillstand, keinen Omegapunkt. Bei der Entwicklung digital vernetzter Software und Hardware zeigt der Zyklus aus technischem Fortschritt, konzeptueller Entwicklung, nutzbringender Anwendung und visionärem Desideratum ein ähnliches Attribut der ständigen Bewegung. Im Vergleich zu den scheinbar linearen Vektoren der Moderne und der Aufklärung wirken diese ungewohnten, weil schwingenden und rotierenden Bewegungsformen erstens ungerichteter und dem Augenblick verhafteter, zweitens lassen sich Anzeichen von Selbstzweck und Rückbezüglichkeit, vielleicht auch von Selbstverliebtheit und dionysischem Taumel hineinlesen. Die Systeme sind jedoch nicht abgeschlossen. Die medientheoretische Oszillation ist, zumindest als Taktgeber, auf die techno-sozio-medialen Entwicklungszyklen angewiesen, und beide entnehmen ihre Energie den Gradienten zwischen Wille und Gegenstand, Neugier und Gier, Sinn und Zweifel. Irgendwo dort ist die eigentliche selbstgetriebene Maschine zu finden.
    Wey-Han Tan

  • Für Statik

    Es bewegt sich alles. Stillstand gibt es nicht. Lasst Euch nicht von überlebten Zeitbegriffen beherrschen. Fort mit den Stunden, Sekunden und Minuten. Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen. SEID IN DER ZEIT – SEID STATISCH, SEID STATISCH – MIT DER BEWEGUNG. Für Statik, im Jetzt stattfindenden JETZT. Widersteht den angstvollen Schwächeanfällen, Bewegtes anzuhalten, Augenblicke zu versteinern und Lebendiges zu töten. Gebt es auf, im mer wieder «Werte» aufzustellen, die doch in sich zusammenfallen. Seid frei, lebt! Hört auf, die Zeit zu «malen». Lasst es sein, Kathedralen und Pyramiden zu bauen, die zerbröckeln wie Zuckerwerk. Atmet tief, lebt im Jetzt, lebt auf und in der Zeit. Für eine schöne und absolute Wirklichkeit!“
    Düsseldorf, März 1959 TINGUELY

  • @joeriben:

    „iPhone – dieses Dispositiv in meiner Hosentasche“ #wskmb
    Torsten Meyer zitiert @joeriben (via Twitter)

  • Thermometer

    Eine Maschine befindet sich beständig in Bewegung. Zeitlos, irritationsresistent, indifferent, gleichsam autistisch. Sie operiert ohne Reibungsverluste, ohne Kraftquelle und generiert Energie aus dem Nichts.

    Die Vorstellung des perpetuum mobile entfaltet ihre Wirksamkeit zunächst im Milieu einer harmonisch gestalteten Ordnung, angetrieben von kosmischen Mächten oder einem „unbewegten Beweger“, und später in der abstrakten Zeitunabhängigkeit des Newton’schen Universums. Scharen von Erfindern, Forschern und Wissenschaftlern arbeiten – ohne den gewünschten Erfolg – an den Grenzen der Physik. Die Erkenntnisse moderner Thermodynamik markieren schließlich den Übergang von suchender Produktion zu produktiver Suche und bringen Gewissheiten: Energie wird übertragen, nicht erzeugt. Es lassen sich keine Maschinen mit einem hundertprozentigen Wirkungsgrad bauen. Das perpetuum mobile ist ein Un-Ding; seine Funktion bestenfalls Funktionsunfähigkeit.
    Was hat das nun mit „Medien & Bildung“ zu tun? Vermutlich viel. Ein stiller Protagonist dieser Geschichte ist das Thermometer; nicht ein Hauptsatz der Thermodynamik (oder „Wärmelehre“, wie man im deutschsprachigen Raum noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu sagen pflegte) hätte ohne ein zuverlässiges Verfahren der Temperaturmessung formuliert werden können. Das gewohnheitsmäßige Übersehen der Bedeutung des Thermometers mag ein Anlass sein, die Aufmerksamkeit auf noch grundlegendere Medien (Kausalität, Technik, wissenschaftliche Erklärung) zu richten. Denn wer das Medium für selbstverständlich hält oder gar unterschlägt, wird entscheidende Spuren übersehen, falsch übersetzen oder Flexibilität einbüßen. Und wer unaufhörlich(e) Leistung fordert, sollte brauchbare Thermometer besitzen.
    Sebastian Plönges

  • Mobile learning

    … bedeutet nicht „unterwegs“ oder mit einem bestimmten Gerät zu lernen. „It is not about the device, but about the connectivity, capabilities and experience. Access through mobile devices should be a choice and a part of the total learning environment.“ (1)
    Auch Bücher sind grundsätzlich mobil, und auch mit ihnen lässt sich lernen. Dennoch möchte ich in diesem Fall nicht von mobile learning sprechen. Dies lässt sich besser verstehen, wenn man sich vor Augen führt, was das Gegenteil von mobile learning ist und worüber es sich definiert. Wenn Desktop-Computer und Klassenräume der Grund für „immobiles Lernen“ sind, so kann es sich hierbei nur um ein Phänomen handeln, welches sich a) mit der Organisation des Bildungsprozesses in der Institution Schule und b) den dort verfügbaren Medien (Desktop-Computer) erklären lässt. Mit der Bedeutung der Wichtigkeit von Bildungsangeboten ausserhalb von Schule und Schulgebäuden (2), der Weiterentwicklung von Computern in Richtung Note- und Netbooks bis hin zu Smartphones und Augmented Reality und des Shift zu einer neuen Lernkultur, bei der Lehrende nicht mehr Wissen, sondern eher Infrastruktur zur Verfügung stellen, werden sich nun die Anforderungen an die Organisation des Bildungsprozesses ändern müssen.
    Die Verbindung zu anderen Mitgliedern einer Lerngruppe auch außerhalb der Begegnung von Angesicht zu Angesicht, sowie der Zugang zu Lernmaterialien – unabhängig vom eigenen Standort – scheinen im Vergleich zur räumlichen Koexistenz an Bedeutung zu gewinnen. Der/Die Lernende muss nicht mehr dorthin kommen, wo „das Wissen“ ist (Schule, Bibliothek, Computer), sondern verfügt über Zugangsmöglichkeiten zu Wissensressourcen und Austauschmöglichkeiten mit Co-Lernenden. Dies ermöglicht ein Lernen in individuellen, lernfreundlichen Zeiten und Umgebungen. (3)
    Aktuell entwickeln sich zusätzlich Möglichkeiten, Lernanlässe auch standortbezogen (Geocaching, Location Based Services) anzubieten. Dies könnte bedeuten, Wissensinhalte mit lokalem Bezug verfügbar zu machen oder eine Vernetzung mit Co-Lernenden in der Nähe zu erreichen. Die Herausforderung besteht vor allem darin, sinnvolle Konzepte zur Integration in bestehende Bildungsprozesse zu entwickeln, ohne dabei dem Druck zu erliegen, nicht nur jederzeit und allenorts lernen zu können, sondern dies auch zu müssen. Als Lernende haben wir somit nicht nur unser Lernen, sondern vor allem auch unsere Pausen selbst zu steuern. Wer den Übergang etwas sanfter gestalten möchte oder Hilfe benötigt, installiert für sein „Device“ idealerweise eine Pausenklingel-App.
    Ralf Appelt

    1) Brown, Judy: http://mlearnopedia.blogspot.com/2009/05/types-of-mobile-learning.html
    2) Burk, Karlheinz und Claussen, Claus: Lernorte außerhalb des Klassenzimmers II, Arbeitskreis Grundschule e.V., Frankfurt am Main 1981, S.18
    3) Fohberg, Dirk: Mobile Learning; Dissertation; Universität Zürich; 2008

  • Mobilität und Entgrenzung

    Neulich im ICE sah man sie überall, die Leute mit den mobilen Endgeräten: Ob nun Notebook, Netbook, iPad oder Smartphone – sie sind allgegenwärtig. Eine Annahme, die man von der Präsenz dieser Geräte ableiten kann, ist, dass ihr Aufkommen und ihre Verbreitung – und die zunehmende Allverfügbarkeit eines Internetzugangs zu einer Entgrenzung von Lernen führen. Entgrenzung bezieht sich hier vor allem auf Raum und Zeit: Lernen findet – wie im ICE – an einem Ort statt, der nicht ursprünglich dafür gedacht ist. Der zeitliche Rahmen wird entweder gar nicht im Voraus festgelegt oder durch die Dauer des Unterwegsseins bestimmt.
    Schulmeister (2006) hat diesen Aspekt bereits aus anderer Perspektive beschrieben – mit der von ihm formulierten „Überwindung von Schranken durch E- Learning“ (205). Er zählt dazu neben der räumlichen Schranke die zeitliche, die Normen- und „Analog-Digital-Schranke“ (ebd., 207). Während er aber den Motor für die Überwindung der Grenzen in der Etablierung einer bestimmten Lernform sieht, scheint es mir die Verbreitung der entsprechenden Geräte und die Möglichkeit permanent online zu sein, die die Überwindung der Grenzen vorantreibt und damit für Entgrenzung sorgt.
    Es stellt sich die Frage, welche Folgen die Entgrenzung des Lernens durch die zunehmende Mobilität hat. Entstehen dadurch Freiräume, weil man das Referat früher oder später vorbereiten kann – Hauptsache, es ist rechtzeitig fertig? Oder hat man ein schlechtes Gewissen, weil man trotz unerledigter Übungsaufgaben während der Zugfahrt aus dem Fenster schaut? Und als letzte Frage: Sind Freiräume nicht gerade auch Räume frei von mobilen Endgeräten und frei von Lernmöglichkeiten?
    Mirjam Bretschneider

    Literatur: Schulmeister, R. (2006). eLearning: Einsichten und Aussichten. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag.

  • Bewegung

    Fragte man nach charakteristischen Merkmalen unserer Zeit, würden vermutlich viele Antworten auf einen Aspekt der „Bewegung“ zielen. Von einer allgemeinen und ungeheuren Beschleunigung aller Lebensabläufe wäre die Rede, von wachsender Mobilität, von sich überschlagenden Veränderungen technischer, wirtschaftlicher und politischer Systeme, u. Ä. m. Beängstigende Bevölkerungszunahme, rasch wachsende Verkehrsdichte, reißende Datenströme, anschwellende Geldflüsse, schwindelerregende Wertzuwächse nebst ebenso dramatischen Verlusten. Sogar die Menge des Wissens soll sich alle paar Jahre verdoppeln. Die Einsichten mit Sicherheit nicht.
    Diese alltäglichen Gedankengänge finden ihre Entsprechung in den Wissenschaften. Etwa in der Wahrnehmungspsychologie. Untersuchungen belegen: Die Muster der optischen Signale, die unsere Netzhaut streifen und von ihr vorverarbeitet ins Gehirn gelangen, sind niemals statisch. Ständig wechseln der Blick, das Licht, die Position, aber auch die Erwartung, die Einstellung. Außen- und Innenwelt sind in immerwährender Bewegung, Stillstand, der „ruhende Pol“, entpuppt sich als Fiktion, als Illusion, vielleicht als idealistisches Wunschdenken. Paradoxer Weise erscheint uns die Welt trotz dieser ubiquitären Beweglichkeit konstant und stabil, ihre Bestandteile besitzen für uns eine verlässliche, bleibende Identität im Bezugssystem eines vertrauten Raumkontinuums.
    Frieder Kerler

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