Editorial des KVV Medien&Bildung (*.pdf ca. 0,7 MB) für das Sommersemester 2012.

„Wenn du einen Apfel hast, und ich habe einen Apfel, und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Aber wenn du eine Idee hast, und ich habe eine Idee, und wir tauschen diese Ideen aus, wird jeder von uns zwei Ideen haben.“
– George Bernard Shaw zugeschrieben

„Kommunikation“ ist eine Ableitung vom lateinischen Begriff communicare, „mitteilen, teilen, gemeinschaftlich machen“, und war in den im Wortstamm angelegten Formen und ihrer Reichweite wohl nie einfacher als heute. Digitale Daten können im Gegensatz zu Materialgütern weltüberspannend verlustfrei referenziert, kopiert und mitgeteilt, also vergemeinschaftet werden. Information tendiert durch Mitteilung zur Multiplikation, die schiere Menge an Statusmeldungen in den sozialen Netzwerken mag als Beleg dienen; und historisch ist das Teilen von Ideen häufig Antrieb für Innovation und (wissenschaftlichen) Fortschritt gewesen.

Die Verlagerung von Daten von physischen Trägern wie CDs, DVDs oder Festplatten in das Web ist in den letzten Jahren beständig fortgeschritten. Dateien sind damit fluide, synchron abrufbar, bearbeitbar und allgegenwärtig geworden: Für den Zugriff auf eine tausendbändige „Bibliothek“ reicht mittlerweile ein Internetlink, Artikel wie der, den Sie gerade lesen, entstehen durch die zeitgleiche Online-Bearbeitung mehrerer Redakteure. Die Fluidität und Körperlosigkeit von Daten erleichtert ihren Austausch für Forschung, Lehre, Information oder Unterhaltung – sie bedeutet aber auch eine Herausforderung für in Reaktion auf Druckerzeugnisse etablierte Routinen zur Organisation von Teil- und Tauschprozessen, wenn etwa PDF-Dateien in den Universitätsbibliotheken mit erheblichen Aufwand die exklusive Ausleihbarkeit physischer Bücher anprogrammiert werden muss. Trotz rechtlicher Bedenken, was die Wahrung von Urheberrechten angeht, sollte man nicht vergessen, dass ein Großteil des im Netz mitgeteilten Contents nicht von (anhand welcher Kriterien im Einzelfall auch immer) als „professionell“ erachteten Wissenschaftlern, Journalisten oder Künstlern stammt, sondern alltäglich unentgeltlich und unlektoriert aus der Befriedigung am mitteilen und wahrgenommen werden ensteht. Wie im Märchen von der „Steinsuppe“ (s.u.), zu der jeder etwas beiträgt und gleichzeitig aus dem entstehenden Ganzen etwas abschöpft, lässt sich beim Sharing beobachten, dass das Ergebnis weit mehr sein kann als die bloße Summe seiner Teile.

In diesem Sinne möchten wir folgendes Heft mit Ihnen teilen –
scheuen Sie sich nicht, im Gegenzug das selbe mit Ihren Gedanken zu diesem Thema zu tun.

Für das Team des Medienzentrums,
Christina Schwalbe, Ralf Appelt, Sebastian Plönges, Wey-Han Tan

Abbildung: Eva teilt mit Adam den Apfel der Erkenntnis, Bildausschnitt aus Lucas Cranach (1526), „Adam und Eva“

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Die Steinsuppe

Es war einmal ein armer Hungerleider, der um Almosen bittend von Haus zu Haus zog. Nachdem er wieder einmal abgewiesen worden war, bat er die Dorfbewohner um einen leeren Kessel, damit er sich zumindest eine Steinsuppe zubereiten könne. Nachdem er einen Kessel bekommen hatte, füllte er diesen mit Wasser, stellte ihn auf ein Feuer, sammelte einen Stein vom Boden auf und legte ihn hinein.

Die Dorfbewohner wurden neugierig, was sich denn wohl aus einem einfachen Stein kochen ließe, so dass der arme Mann, der gelegentlich wohlgefällig schmatzend die Suppe abschmeckte, sie der Reihe nach um ein paar kleinere Zutaten bitten konnte, die die Steinsuppe noch bekömmlicher machen würden.

So fragte er den einen um eine Möhre, die nächste um ein paar Scheiben Kartoffeln, wieder andere um Kohlblätter, ein wenig Fett, etwas Salz oder Kräuter; alles, wie er sagte, um den Geschmack abzurunden. Und da jeder nur ein bisschen gab, war es für alle schließlich um so erstaunlicher, als die Steinsuppe begann, köstlich zu duften. Es war zudem so viel geworden, dass jeder der Dorfbewohner, der ein wenig zum Geschmack beigetragen hatte, auch ein Schüsselchen der Suppe eingeschenkt bekommen konnte und sich wunderte, wie lecker und nahrhaft eine Suppe aus einem einfachen Stein schmeckte.

Nacherzählt – eine von vielen Varianten der Geschichte (Siehe „Storytelling” als Methode für den Transfer impliziten Wissens)