Die neunte Ausgabe des Hamburger eLearning Magazins zum Thema „Mobile Learning“ ist erschienen. Hier können Sie das vollständige Magazin als PDF-Datei herunterladen.

In dieser Ausgabe des Magazins ist auch ein Artikel zum Projekt Paducation und einigen damit zusammenhängenden Fragestellungen veröffentlicht. Paducation ist ein Kooperationsprojekt der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) Hamburg, dem Kurt-Körber-Gymnasium in Hamburg Billstedt und dem Medienzentrum der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft an der Uni Hamburg.

Paducation. Mobilität und ‚Always On‘ als Herausforderung und Chance
Christina Schwalbe, Ralf Appelt

Smartphones und Tablets sind aus unserer alltäglichen Lebenswelt nicht mehr wegzudenken. Von Bedeutung ist jedoch nicht in erster Linie das technische Gerät, das wir ständig bei uns haben, sondern die damit auch permanent verfügbare Schnittstelle zum Internet – und damit der allgegenwärtige Zugang zu einem Großteil gesellschaftlicher Kommunikation. Oder, wie Judy Brown es ausdrückt: „It is not about the device, but about the connectivity, capabilities and experience.“1 Nicht nur im Alltag wird den neuen mobilen, digitalen Endgeräten eine zunehmende Bedeutung zugeschrieben, auch ihre Relevanz für die Unterstützung von Lern- und Bildungsprozessen wird aktuell stark diskutiert. So benennt der Horizon Report 2011 als einen wichtigen aktuellen Trend die Nutzung mobiler Endgeräte für Lernen, Lehre, Forschung oder kreative Forschung2. In der mediendidaktischen Diskussion werden unter dem Schlagwort „Mobile Learning“ die Potentiale dieser Geräte für die Gestaltung und Unterstützung von Lernprozessen vielfältig thematisiert und untersucht. Dabei wird Mobile Learning meist als ein Teilbereich des eLearning verstanden, der sich aus einer anwendungsbezogenen Perspektive vor allem mit den technischen Aspekten mobiler digitaler Geräte und deren didaktischen Möglichkeiten auseinandersetzt.

Aus dieser Perspektive heraus werden aktuell auch in einigen Modellprojekten in Schulen und Universitäten mobile Endgeräte, und dabei insbesondere Tablets, als neue Lernwerkzeuge erprobt. Aber ist es denn ausreichend, das didaktische Potential der Geräte herauszuarbeiten und zu erforschen? Geht es in Hinblick auf die Integration aktueller Medientechnologien in institutionelle Lernprozesse darum, – wie es häufig in mediendidaktischen Evaluationen genannt wird – den „didaktischen Mehrwert“ zu untersuchen? Die Ubiquität digital basierter Kommunikation und Interaktion bietet nicht nur neue didaktische Möglichkeiten sondern eröffnet uns einen veränderten Kultur- und Interaktionsraum3 mit neuen Herausforderungen insbesondere auch für Bildungsprozesse. Die JIM-Studie 20124 zeigt, dass diese digitalen mobilen und vor allem auch medienkonvergenten Geräte in der alltäglichen Lebenswelt Jugendlicher von großer Bedeutung sind. Es ist zu beobachten, dass informelle Lernformen unter Einbeziehung dieser Geräte zunehmen – und dennoch ist das Handyverbot an Schulen noch weit verbreitet. In die Schule passen die neuen mobilen, vernetzten und vernetzenden Medien nur dann, wenn sie sich, wie Bachmair et. al. es ausdrücken, „in das Arbeitsschema der Schule einfügen.“5 Die neuen Kommunikations- und Interaktionsformen, die Schülerinnen und Schüler außerhalb der schulischen Welt entwickeln, werden aus dem institutionalisierten Lernen ausgeklammert. Um eine Passung von Lebenswelt und institutionalisierter Lernwelt zu erreichen, schlagen Bachmair et. al., ausgehend von ihrer kulturökologischen Theorie mobilen Lernens6, einen assimilativen Ansatz vor: die Aneignungsformen der Lernenden, d.h. die neuen Kommunikations- und Interaktionsformen und insbesondere die Strategien informellen Lernens müssen übergehen in den Wahrnehmungshorizont der Bildungsinstitutionen und konkret in den der Lehrenden. Im Fokus der Evaluationen sollten also nicht nur Unterrichtssituationen und die Mediennutzung im Rahmen institutionalisierten Lernens stehen, sondern insbesondere auch die Kommunikations-, Interaktions- und Aneigungsformen, die außerhalb des institutionellen Rahmens in der Lebenswelt der Lernenden entstehen.

In diesem Beobachtungsrahmen ist auch das Projekt „Paducation“ anzusiedeln, dass 2011 im Kurt-Körber-Gymnasium in Hamburg gestartet wurde und seitdem vom Medienzentrum der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg begleitet wird. Ein Oberstufenjahrgang des Kurt-Körber-Gymnasiums in Hamburg Billstedt wurde komplett mit Tablets in Form eines 1:1 Settings ausgestattet. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Geräte zur freien Verfügung und können diese sowohl innerhalb der Schule als auch außerhalb selbstbestimmt nutzen. Die Evaluation des Projektes zielt eben auf die oben genannten Kommunikations-, Interaktions- und Aneignungsformen, die außerhalb des institutionalisierten Lernens geschehen. Begleitet wird das Projekt durch ein Fortbildungskonzept des Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, das im Laufe des Projektes unter Einbeziehung der Projektergebnisse entwickelt wird – und somit zum Ziel hat, das Bewusstsein der Lehrenden zu schärfen für die Veränderungen, die durch das Eindringen digital-basierter, offener, vernetzter, Kommunikations- und Interaktionsformen in den bis dato sehr geschlossenen Bildungsraum Schule  entstehen.

Und mit Beginn des Wintersemesters 2012/2013 ist es nun gelungen ein parallel laufendes 1:1 Tablet Projekt an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft (EPB) der Universität Hamburg zu starten. Eine Seminargruppe und das wissenschaftliche Personal aus vier Fachbereichen wurde ebenfalls mit Tablets ausgestattet – und auch hier liegt der Fokus der Beobachtung der Evaluation auf den neuen Arbeits-, Interaktions- und Kommunikationsformen, die sich durch das Eindringen der ubiquitären digitalen Vernetzung in die Universität als Bildungsinstitution entwickeln. Das Medienzentrum der Fakultät begleitet dazu in einem Zeitraum von insgesamt einem Jahr das gesamte Projekt. Neben der technischen, infrastrukturellen und auch arbeitsorganisatorischen Unterstützung der Projektteilnehmenden wird eine qualitative Untersuchung durchgeführt, die zum einen das veränderte Mediennutzungsverhalten und das Wechselspiel von digital und analog basiertem Arbeiten in den Blick nehmen soll. Zum anderen stehen im Fokus der Untersuchung die Bedeutungszuschreibungen dem Tablet als jederzeit verfügbarem, mobilem, digitalem und vernetzen Gerät gegenüber. Die Untersuchungsergebnisse fließen ein in die strategische und konzeptionelle Weiterentwicklung des Medienzentrums als wissenschaftliche Serviceeinrichtung für Lehre und Forschung.

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Diesen Artikel zitieren:
Christina Schwalbe, Ralf Appelt: Paducation. Mobilität und ‚Always On‘ als Herausforderung und Chance. In: Hamburger eLearning Magazin,  Ausgabe #09-12/2012, Mobiles Lernen, S.  37-39. URL: http://www.uni-hamburg.de/eLearning/eCommunity/Hamburger_eLearning_Magazin/eLearningMagazin_09.pdf

  1. Brown, Judy: http://mlearnopedia.blogspot.com/2009/05/types-of-mobile-learning.html (19.11.2012) []
  2. Horizon Report 2011, The New Media Consortium, http://www.mmkh.de/upload/dokumente/2011-03-07_PM_HorizonReport_deutsch_MMKH.pdf (19.01.2012) []
  3. Hug, Theo: Mobiles Lernen. In: Hugger K.-U., Walber M. (Hrsg.) Digitale Lernwelten: Konzepte, Beispiele und Perspektiven. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss.; 2010. S. 193-211. []
  4. JIM-Studie, Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest. http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf12/JIM2012_Endversion.pdf (02.12.2012) []
  5. Pachler, Norbert; Bachmair, Ben; Cook, John: Mobile Medien als Kulturressource für Lernen, ein kulturökologischer Beitrag zur Medienbildung. Veröffentlichung zum 4. Magdeburger Theorieforum: Positionen der Medienbildung, Juli 2011. (in Druck) []
  6. Pachler, Norbert; Bachmair, Ben; Cook, John: Mobile Learning: Structures, agency, practices. New York: Springer, 2010. []