Informatische Bildung und Medienerziehung

Prof. Dr. Norbert Breier, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg: Um den Entwicklungen im Medienbereich und den damit verbundenen Herausforderungen gerecht zu werden, wird seitens der KMK, BLK und anderer Entscheidungsträger empfohlen, Medienkompetenz im Unterricht aller Schulformen und Jahrgangsstufen zu fördern und zur Entfaltung einer Medienkultur beizutragen. Jedes Fach ist aufgefordert, mit seinen Gegenstandsbereichen, Sichtweisen und Methoden seinen spezifischen Beitrag zu dieser Aufgabe zu leisten.Die Vorlesung wird sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich diese Aufgabe in besonderer Weise für das Fach Informatik zeigt.

3 Kommentare

  1. Michael

    Die bildliche Allegorie “Autoführerschein” und “PC-Führerschein” darf ruhig noch ausgeweitet werden.

    Der Führerschein qualifiziert ja NICHT vorrangig dazu, die Fahrzeugtechnik zu beherrschen. Es geht um Verkehrsregeln (also die “Theorie”) und deren Anwendung (der “Fahrpraxis”).

    So ist der Verkehrsrowdy ein Risiko für sich und andere, bspw. wenn er gerne rast, trinkt, das Auto zur Disko umfunktioniert usw. Es ist doch sonnenklar, dass es hier eben NICHT um feinmotorische Fähigkeiten geht, sondern zunächst um eine Sozialisation, die den Fahrschüler in die Gruppe der Autofahrer so einreiht, dass er nicht zur wandelnden Bombe mutiert.

    Anders herum, beobachtet man allzu oft eine Art “Vollkasko-Mentalität” am Computer. Dort klicken die Datenverkehrs-Rowdys übermütig auf so ziemlich jeden Button, der nicht bei ‘Drei’ unter dem nächsten Popup verschwindet. Intimes wird netzweit ausgebreitet, WLAN und Bluetooth sind ungesichert, und USB-Sticks enthalten sogar noch mehr Keime & Viren als ein handelsübliches deutsches Krankenhaus (http://tinyurl.com/7vsgsvn). Unvergessen auch der Fall, bei dem eine östrerreichische Lehrerin eigene Nacktfotos versehentlich auf dem Schulserver ablegte…

    Überhaupt: Am Tatort Schule tobt der Datenmob noch ungezügelter als anderswo, weil einerseits die Teenies als feuererprobte Datenverkehrsrowdies bekanntlich noch schneller klicken können als Lehrer und Admin gucken können, während der Lehrer dem bunten Treiben aus der Außenseiterrolle des staunenden Laien zusieht.

    Roundup: Brauchen wir also einen PC-Führerschein? Das initiale Argument gegen ein solches Instrument war ja, dass auch Autofahren keine allgemeine Kulturtechnik sei – und deshalb nicht Gegenstand des schulischen Bildungsauftrages sein könne. Mit derselben Logik müsste man aber den Schülern den PC solange verbieten, bis sie die Fahrerlaubnis erworben haben. Oder andersherum: Wird es nicht langsam Zeit, den “Crash-Kids” mit der Vollkasko-Denke auch mal die andere Seite des Netzwerkkabels zu zeigen?

    Nur weil der PC seit Win 3.11 so herrlich kinderleicht zu kommandierklicken ist, ist diese Technik auch für Kinder ab 4 Jahren geeignet, wenn sie seine Kleinteile nicht mehr verschlucken. Soviel also zunächst zur Verantwortung beim Umgang mit Hochtechnologie.

    Medienkompetenz

    Inge Blatt hat (sinngemäß) mal geschrieben, dass Medienkompetenz (bezogen auf Neue Medien) ohne Fachkompetenz nicht machbar sei. Das Gegenteil stimmt aber genauso: Wer sich mit den Problemen der Datennormalisierung für SQL vertraut gemacht hat, der lernt bspw. auch viel darüber, wie er seine Informationen sinnvoll und ohne Redundanzen organisieren und strukturieren kann. Informatik – so sehe ich das als Hobbyprogrammierer – ist immer logisch und folgerichtig. Es gibt keine ‘fehlerhaften’ Programme, denn ein Prg. tut lediglich das, was man ihm selbst gesagt hat. Um wieder die Autometapher zu benutzen: Sobald ein Esel am Lenkrad sitzt, hilft auch ein Navigationsgerät nichts mehr. Ein Programm zu schreiben erfordert, eine lebhafte Vorstellung davon zu gewinnen, in welcher Reihenfolge und mit welchen Rekursionen man welche Dinge tun muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten. Programmieren lernen, heißt planen lernen, heißt siegen lernen. Man muss Dinge vorwegnehmen, Szenarien entwickeln und logisch durchdenken. Auch ohne empirische Studie an 1000 SuS sehe ich es als gesichert an, dass eine Deutschklausur sicherlich besser ausfallen könnte, wenn man den SuS endlich, endlich! beibringen würde, ihre Gedanken zunächst zu ordnen und wirklich erst dann zu schreiben, wenn man mit der Planung fertig ist. Ich könnte zig Klausuren in den Ring werfen, bei denen schon an der halbgaren Planungskladde der ersten Seite abzusehen war, wo den SuS der neuronale Rechner später abstürzen wird. Allzu oft schreiben die SuS einfach wild assoziierend drauflos – offenbar selbst darauf gespannt, was sie wohl als nächstes schreiben werden. Was für ein Daten-, bzw. Ideenchaos!

    Und weil sich das Innere stets im Äußeren wiederspiegelt, sehen dementsprechend auch viele Festplatten so aus, wenn ich sie, was regelmäßig vorkommt, vom Freundeskreis mitsamt dem “spinnenden” (O-Ton!) Computer drumherum auf den Tisch geknallt bekomme. Datensicherung? Ablageschema? Nie gemacht! Dafür fliegen allei kuriose Dateien mit lustigen Bezeichnungen und tausenden von Dateiendungen in zig Verzeichnissen mit immer demselben Namen “Neuer Ordner” herum, während die Chronik im Browser allerlei Interessantes über die sexuellen Interessenschwerpunkte des jeweiligen Besitzers zu erzählen vermag. Obligatorisch sind jede Menge Viren, Toolbars und Extensions installiert plus dem Softonic-Downloader für nutzlose Freeware. Der Besitzer des Gerätes ist aber natürlich doch insofern Fachmann, das er dem Kollegen Computer eine psychologische Diagnose im o.g. Sinne “Der spinnt irgendwie!” stellen kann. Ich bezeichne die Gruppe dieses Benutzertypus gerne satirisch als CCC (Chaos Computer Club). ;-)

    Ich könnte weiter fortfahren. Aber ich habe dazu keine Lust. Jeder macht Fehler in vielen Bereichen, und ich will nicht mit Dreck werfen. Hier ging es mir nur darum, fernab jener (doch eher bildungsbürgerlich angehauchten) Diskussion um Medienkompetenz und der Frage nach der Verantwortung von Schule/Staat ein genügend gerütteltes Maß an Entsetzen zu verbreiten, um die Brisanz der Situation und die Notwendigkeit zum entschlossene Handeln klarzumachen.

    Ergo:

    Frage an Radio Eriwan: Dürfen wir eigentlich weiterhin auf ein Unterrichtsfach Medien-/Informatikkompetenz verzichten?
    Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber googlen Sie das lieber nochmal nach…

  2. Wey-Han Tan

    “Programmieren lernen, heißt planen lernen, heißt siegen lernen.”

    Die Sehnsucht nach einer kanonischen, statischen Welterklärung wurde mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken der Naturwissenschaften vermutlich durch eine Sehnsucht nach einer wirksamen und effizienten Methodik der Erkenntnis abgelöst. Comenius gelingt es noch, die Welt in Bildern und später Diderot & d’Alembert diese in alphabetischer Sortierung darzustellen. Heute gehört zum Alltag einer digital-vernetzten Welt die Wechselwirkung in komplexen (Informations-)Systemen und Schmetterlingseffekte jeglicher Art, in der sich Wissen fragmentiert und dynamisch zusammensetzt und damit gleichzeitig neu erstellt wird.

    “Medienkompetenz” – wie immer sie auch definiert werden mag – ist sicher einer der jüngsten Versuche, die Welt nicht zu erklären, sondern jedem das eine Werkzeug zur individuellen Welterklärung, -ordnung und -generierung an die Hand zu geben.

    Nun sind Werkzeugkästen mit nur einer Werkzeugkategorie mit Vorsicht zu geniessen: Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist, dann beginnt jedes Problem auszusehen, als sei es ein Nagel, wie Edsger Dijkstra 1978 warnt.

    Der Computer wirkt als allgegenwärtiges Informationswerkzeug quasi kulturbestimmend, steht aber als kybernetisches Artefakt auch für die Rückkopplung mit der Kultur. Nun sind Rückkopplungen bei Werkzeugen und gerade bei solchen der Erkenntnis nicht gerne gesehen, insbesondere wenn sie die Natur des Werkzeugs verändern.
    Das eine (fiktive) Generation von Kindern, die anhand von aktuell vorherrschenden Paradigmas objektorientierter Programmierung und anhand von den Regeln der Datenbankoptimierung ihre Welt gestalten, diese planen und lernen, wie Siege darin auszusehen haben – diese Welt würde in der Tat eine gänzlich andere Welt bzw. Kultur erschaffen, als wir sie augenblicklich kennen (und vielleicht bemängeln).
    Ob diese neue, hocheffiziente und -strukturierte Welt ‘besser’ oder ‘schlechter’ als unsere wäre, bleibt eine akademische Frage.

    Descartes’ Antwort auf Mersennes Idee einer die Wahrheit in sich führenden Universalsprache lautet z.B.:
    „Nun glaube ich zwar, daß solch eine Sprache möglich ist und daß man die Wissenschaft finden kann, von der sie abhängt und mittels derer die Bauern dann besser werden über die Wahrheit urteilen können, als es heutzutage die Philosophen tun. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sie jemals in Gebrauch kommen soll: Sie setzt große Veränderungen in der Ordnung der Dinge voraus, und es müßte erst die ganze Welt ein irdisches Paradies werden, was man nur im Land der Romane erwarten kann.“
    Descartes, zitiert in Peckhaus (2001), „Leibniz’ Pragmatismus“, S.2.

    Kritisch ist meiner Ansicht nach der Anspruch, einen einzigen, universalen Weg der Weltaufordnung zu suchen und als Lösung gerade drängender Probleme einzusetzen. Ich sehe keine wirkliche Gefahr, dass dies passieren wird, aber die Sehnsucht nach einem bindenden Königsweg der Weltaufordnung, von der ich anfangs sprach, scheint tief im Menschen zu sitzen.
    Medienkompetenz und Programmiertechniken sind m. A. nach dann statthaft, wenn sie es erlauben, auch auf sich selbst angewendet zu werden, d.h. wenn sie offen dafür sind, in ihren (kulturellen) Rahmenbedingungen – denn Medien sind Rahmen, innerhalb derer bestimmte artifizielle Regeln des Umgangs mit Informationen gelten – hinterfragt, modifiziert und auch missbraucht zu werden.

    Ich finde hier von Foersters Idee der gleichzeitigen Gültigkeit verschiedener Rahmungen einen interessanten Ansatz, dem auch z.B. Papert, Harel, Watzlawick, Bateson etc. folgen. Medien sind auf diese Weise betrachtet mehr als Container oder Werkzeuge sondern auch kulturelle und entscheidungstragende Standpunkte.
    Was für eine Frage ist also die Frage “Was bedeutet ‘Medienkompetenz'”?

    “Simply because the decidable questions are already decided by the choice of the framework in which they are asked, and by the choice of rules of how to connect what we call “the question” with what we may take for an “answer.” In some cases it may go fast, in others it may take a long, long time, but ultimately we will arrive, after a sequence of compelling logical steps, at an irrefutable answer: a definite Yes, or a definite No. But we are under no compulsion, not even under that of logic, when we decide upon in principle undecidable questions. There is no external necessity that forces us to answer such questions one way or another. We are free! The complement to necessity is not chance, it is choice! We can choose who we wish to become when we have decided on in principle undecidable questions.”
    – Heinz von Foerster (1993), “ethics and second-order cybernetics”

  3. Michael

    Lieber Herr Tan,

    Ihr Beitrag verdient natürlich eine Antwort. Ich war zwar sicher, dass sie von einem Dritten kommen würde – aber nach wie vor benutzt ein Großteil der Menschen das www ja nur lesend. Deshalb greife ich jetzt selbst zum Stift.

    Zunächst: Seit der Homo habilis vor rund 2 Mio. Jahren ein Steinwerkzeug in die Hand nahm, ist die menschliche Evolution untrennbar mit kulturellen Rückkoppelungen verbunden. Im Falle des H.habilis war die Rückkoppelung sogar äußerst kurios: Frühere Vorgängerspezies des Menschen waren über 4 Mio Jahre hinweg äußerst robust gebaute Dickschädel mit winzigen Gehirnen, riesigen Mahlzähnen und klobigen Pfoten gewesen – aber H.habilis hatte plötzlich ein rund 50% größeres Hirn, viel feinere Hände und ein geradezu filigranes Kaugerät an Bord. War es die fortschrittliche Anatomie von H.habilis, die ihn zur Werkzeugkultur befähigte – oder war es seine Werkzeugkultur, die ihm diese feinmotorischere Anatomie ermöglichte?

    Natürlich ist diese Fragerei ein Huhn-Ei-Dilemma und insofern müßig. Einleuchtend ist aber, dass beide Dinge einander bedingt haben und sich vermutlich gegenseitig aufschaukelten und so immer höhere Stufen der menschlichen Evolution anschoben.

    Evolution bedeutet Veränderung.

    Natürlich birgt jede Veränderung neben der Chance zum Siegen auch das Risiko der Niederlage. Wie R.M. Pirsig (“Lila or an inquiry into morals”, 1992) eindrucksvoll zeigt, benutzt Evolution immer zwei korrespondierende Elemente: Ein dynamischer Prozess bringt eine (hoffentlich vorteilhafte) Änderung hervor – aber sie verpufft spurlos, wenn sie nicht von einer statischen Struktur als ‘Milestone’ abgesichert und verbreitet wird.

    Sie, Herr Tan, schreiben selbst davon, dass eine statische Struktur etwas Vorübergehendes ist, dass irgendwann vom Besseren überholt werden wird:

    [quote]Die Sehnsucht nach einer kanonischen, statischen Welterklärung wurde mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken der Naturwissenschaften vermutlich durch eine Sehnsucht nach einer wirksamen und effizienten Methodik der Erkenntnis abgelöst. [/quote]

    Pirsig schreibt (S.249):

    [quote]Obwohl [die Wissenschaft selbst unbedingt solche dynamischen Elemente wie "Kreativität", "Einfallsreichtum" oder "Vorstellungskraft" angewiesen ist, ist ihr Erkenntnisbeitrag (wie auch Poincare bemängelt) zu diesen Phänomenen bislang äußerst düftig geblieben. Obwohl die Wissenschaft aus bestimmten Gründen in diesen Dingen einen erkenntnistheoretischen 'blinden Fleck' hat,] ist es ironischerweise diese einzigartige Fähigkeit der Wissenschaft, das Dynamische in sich zu integrieren, die ihr ihren Rang gibt. Die Wissenschaft löste [in der Aufklärung] alte religiöse Formen nicht deshalb ab, weil das, was sie sagt, in einem absoluten Sinn (was immer das sein mag) wahrer ist, sondern weil das, was sie sagt, dynamischer ist. Wenn die Wissenschaftler einfach gesagt hätten, Kopernikus habe recht und Ptolomäus unrecht, ohne sich zugleich bereit zu finden, die Sache näher zu erforschen, wäre die Wissenschaft nur zu einem weiteren religiösen Glaubensbekenntnis geworden. Aber die wissenschaftliche Wahrheit hat sich immer in einem wesentlichen Punkt von der theologischen Wahrheit unterschieden: Sie ist provisorisch. Die Wissenschaft hält immer einen Radiergummi bereit, einen Mechanismus, durch den neue dynamische
    Erkenntnisse alte statische Strukturen auswischen können, ohne
    die Wissenschaft selbst zu zerstören. So hat sich die Wissenschaft, anders als die orthodoxe Theologie, stets die Fähigkeit zu einem ständigen, evolutionären Wachstum bewahrt. Wie Phaidros auf einen seiner Zettel geschrieben hatte: »Der Bleistift ist mächtiger als die Feder.« Das ist es, worauf es ankommt — gleichzeitig statische und dynamische Qualität zu entwickeln. [/quote]

    Wissenschaftler mögen manchmal statische Überzeugen haben.
    Wissenschaften haben sie – wie bspw. T. Kuhn zeigte – manchmal auch.
    Aber Wissenschaft als solche ist dynamisch und bereit für Erweiterungen und Korrekturen. Der Maßstab für Wissenschaft ist nicht die ‘Wahrheit’, sondern die Qualität einer Theorie: Eine neue Theorie wie das 48ste Atommodell wird nicht deshalb übernommen, weil sie nun endlich ‘wahr’ ist, sondern weil sie eine bessere und vollständigere Deutung der Welt darstellt.

    Sie, Herr Tan, geben selbst ein Beispiel dafür, welche Risiken aus dem statischen Anhaften entstehen:

    Nun sind Werkzeugkästen mit nur einer Werkzeugkategorie mit Vorsicht zu geniessen: Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist, dann beginnt jedes Problem auszusehen, als sei es ein Nagel, wie Edsger Dijkstra 1978 warnt.

    Sie zielen mit diesem Hinweis auf diesen Satz von mir ab:

    “Programmieren lernen, heißt planen lernen, heißt siegen lernen.”

    Vergleichen wir mal die Allegorien:

    Wer versucht, einen Lichtschalter mit dem beschriebenen “Hammer” anzuschließen oder Probleme mit der Kaffeemaschine statt in Javascript mit einem H.habilis-Faustkeil zu lösen, wird natürlich erstmal scheitern. Aber wenn er nicht völlig verbohrt ist, wird er seinen Fehler bemerken und nachdenklich werden: Sein “Programm”, dass in einer Abfolge von Teilschritten zu einem bestimmten, aber nicht direkt erreichbaren Ziel führen sollte, funktioniert ja offensichtlich nicht.

    Edsger Dijkstras Aphorismus passt also nur bei Testpersonen, die den Zugang zu den erwähnten ‘Rückkoppelungen’ ihres eigenen Verhaltens verloren haben. Aber Typen mit dieser Lern- und Anpassungsresistenz sterben ja relativ schnell aus (wenn sie nicht in einer konservativen politischen Partei Asyl finden, Anm. des Autors) und sind daher die Ausnahme.

    Was aber wird bspw. Uri, der prähistorische H.habilis tun, wenn er sich ständig mit seinen Steinwerkzeugen auf die Finger haut? Er wird sich etwas Neues einfallen lassen und sein bisheriges Programm überarbeiten.

    Das tut er bis heute.
    Programme und Produkte sind nämlich nie fertig.

    Natürlich begegnen wir auf dem Weg der kulturellen Evolution auch Rückkoppelungen und dem Neuen, das sie hervorbringen. Und es stimmt, was Sie sagen:

    Nun sind Rückkopplungen bei Werkzeugen und gerade bei solchen der Erkenntnis nicht gerne gesehen, insbesondere wenn sie die Natur des Werkzeugs verändern.

    Trotzdem haben wir keine Wahl: Entweder wir bleiben in der evolutiven Entwicklung stehen, weil wir den drohenden Kontrollverlust der dynamischen Veränderung und das Unerwartete zu sehr fürchten. Oder wir bemühen uns umsichtig darum, im Sinne Pirsigs “die Sache näher zu erforschen” und dem Unerwarteten die Chance zu geben, unser Wissen zu bereichern. Wenn wir uns bewegen, können wir natürlich auch verlieren – Robert Oppenheimer und Edward Teller hätten, glaube ich, ihre Padorradose gerne rückwirkend ungeschehen gemacht. Aber wenn wir stehenbleiben, verlieren wir garantiert.

    Ich erlebe täglich, wie der PC meine Welt seit 1975 revolutioniert. Ich lebe in einem Universum der Mikrochips. Egal ob Tischler, Kaufmann, Lehrer … kein Beruf ist heute mehr so, wie er vor 25 Jahren war. Beziehungen und Biographien sind es auch nicht. Wenn man 25 Jahre alte Fachliteratur zum Thema “Neue Medien & Gesellschaft” ließt, lacht man sich tot: Wie naiv man 1985 war! Wie völlig daneben man damals mit den Einschätzungen der Zukunft (also unserer Gegenwart) doch gelegen hat! Wie absolut unvorhersehbar diese Zeit 2012 doch gewesen ist!

    Darum bleibe ich dabei: “Programmieren lernen, heißt planen lernen, heißt siegen lernen.” Nicht in dem Sinne, dass unsere individuellen BASIC-Kenntnisse zum C64 nun unbedingt als unfehlbare Rolltreppe in die Zukunft gedient hätten undwir heute alle PHP/MySQL lernen MÜSSEN. Aber ich möchte das Stück Technik vor mir einschätzen können und wissen, was es tut und was ich damit tun kann. Rückkoppelungen sind dabei nicht nur unvermeidbar, sondern (meinerseits) auch gewollt. Ob wir dieses “Werkzeug” dabei nun beherrschen oder ob es uns beherrscht ist m.E. eine Frage, die in alte Herrschaftsdiskurse zurückfällt. Die Frage ist eher, ob wir bei diesem Umgang wünschenswerte Effekte erzielen und uns zum Besseren verändern können.

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