Informatische Bildung und Medienerziehung

Prof. Dr. Norbert Breier, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg: Um den Entwicklungen im Medienbereich und den damit verbundenen Herausforderungen gerecht zu werden, wird seitens der KMK, BLK und anderer Entscheidungsträger empfohlen, Medienkompetenz im Unterricht aller Schulformen und Jahrgangsstufen zu fördern und zur Entfaltung einer Medienkultur beizutragen. Jedes Fach ist aufgefordert, mit seinen Gegenstandsbereichen, Sichtweisen und Methoden seinen spezifischen Beitrag zu dieser Aufgabe zu leisten.Die Vorlesung wird sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich diese Aufgabe in besonderer Weise für das Fach Informatik zeigt.

2 Kommentare

  1. Michael
    Veröffentlicht am 13. Januar 2012 um 22:13 | Permanenter Link

    Die bildliche Allegorie “Autoführerschein” und “PC-Führerschein” darf ruhig noch ausgeweitet werden.

    Der Führerschein qualifiziert ja NICHT vorrangig dazu, die Fahrzeugtechnik zu beherrschen. Es geht um Verkehrsregeln (also die “Theorie”) und deren Anwendung (der “Fahrpraxis”).

    So ist der Verkehrsrowdy ein Risiko für sich und andere, bspw. wenn er gerne rast, trinkt, das Auto zur Disko umfunktioniert usw. Es ist doch sonnenklar, dass es hier eben NICHT um feinmotorische Fähigkeiten geht, sondern zunächst um eine Sozialisation, die den Fahrschüler in die Gruppe der Autofahrer so einreiht, dass er nicht zur wandelnden Bombe mutiert.

    Anders herum, beobachtet man allzu oft eine Art “Vollkasko-Mentalität” am Computer. Dort klicken die Datenverkehrs-Rowdys übermütig auf so ziemlich jeden Button, der nicht bei ‘Drei’ unter dem nächsten Popup verschwindet. Intimes wird netzweit ausgebreitet, WLAN und Bluetooth sind ungesichert, und USB-Sticks enthalten sogar noch mehr Keime & Viren als ein handelsübliches deutsches Krankenhaus (http://tinyurl.com/7vsgsvn). Unvergessen auch der Fall, bei dem eine östrerreichische Lehrerin eigene Nacktfotos versehentlich auf dem Schulserver ablegte…

    Überhaupt: Am Tatort Schule tobt der Datenmob noch ungezügelter als anderswo, weil einerseits die Teenies als feuererprobte Datenverkehrsrowdies bekanntlich noch schneller klicken können als Lehrer und Admin gucken können, während der Lehrer dem bunten Treiben aus der Außenseiterrolle des staunenden Laien zusieht.

    Roundup: Brauchen wir also einen PC-Führerschein? Das initiale Argument gegen ein solches Instrument war ja, dass auch Autofahren keine allgemeine Kulturtechnik sei – und deshalb nicht Gegenstand des schulischen Bildungsauftrages sein könne. Mit derselben Logik müsste man aber den Schülern den PC solange verbieten, bis sie die Fahrerlaubnis erworben haben. Oder andersherum: Wird es nicht langsam Zeit, den “Crash-Kids” mit der Vollkasko-Denke auch mal die andere Seite des Netzwerkkabels zu zeigen?

    Nur weil der PC seit Win 3.11 so herrlich kinderleicht zu kommandierklicken ist, ist diese Technik auch für Kinder ab 4 Jahren geeignet, wenn sie seine Kleinteile nicht mehr verschlucken. Soviel also zunächst zur Verantwortung beim Umgang mit Hochtechnologie.

    Medienkompetenz

    Inge Blatt hat (sinngemäß) mal geschrieben, dass Medienkompetenz (bezogen auf Neue Medien) ohne Fachkompetenz nicht machbar sei. Das Gegenteil stimmt aber genauso: Wer sich mit den Problemen der Datennormalisierung für SQL vertraut gemacht hat, der lernt bspw. auch viel darüber, wie er seine Informationen sinnvoll und ohne Redundanzen organisieren und strukturieren kann. Informatik – so sehe ich das als Hobbyprogrammierer – ist immer logisch und folgerichtig. Es gibt keine ‘fehlerhaften’ Programme, denn ein Prg. tut lediglich das, was man ihm selbst gesagt hat. Um wieder die Autometapher zu benutzen: Sobald ein Esel am Lenkrad sitzt, hilft auch ein Navigationsgerät nichts mehr. Ein Programm zu schreiben erfordert, eine lebhafte Vorstellung davon zu gewinnen, in welcher Reihenfolge und mit welchen Rekursionen man welche Dinge tun muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten. Programmieren lernen, heißt planen lernen, heißt siegen lernen. Man muss Dinge vorwegnehmen, Szenarien entwickeln und logisch durchdenken. Auch ohne empirische Studie an 1000 SuS sehe ich es als gesichert an, dass eine Deutschklausur sicherlich besser ausfallen könnte, wenn man den SuS endlich, endlich! beibringen würde, ihre Gedanken zunächst zu ordnen und wirklich erst dann zu schreiben, wenn man mit der Planung fertig ist. Ich könnte zig Klausuren in den Ring werfen, bei denen schon an der halbgaren Planungskladde der ersten Seite abzusehen war, wo den SuS der neuronale Rechner später abstürzen wird. Allzu oft schreiben die SuS einfach wild assoziierend drauflos – offenbar selbst darauf gespannt, was sie wohl als nächstes schreiben werden. Was für ein Daten-, bzw. Ideenchaos!

    Und weil sich das Innere stets im Äußeren wiederspiegelt, sehen dementsprechend auch viele Festplatten so aus, wenn ich sie, was regelmäßig vorkommt, vom Freundeskreis mitsamt dem “spinnenden” (O-Ton!) Computer drumherum auf den Tisch geknallt bekomme. Datensicherung? Ablageschema? Nie gemacht! Dafür fliegen allei kuriose Dateien mit lustigen Bezeichnungen und tausenden von Dateiendungen in zig Verzeichnissen mit immer demselben Namen “Neuer Ordner” herum, während die Chronik im Browser allerlei Interessantes über die sexuellen Interessenschwerpunkte des jeweiligen Besitzers zu erzählen vermag. Obligatorisch sind jede Menge Viren, Toolbars und Extensions installiert plus dem Softonic-Downloader für nutzlose Freeware. Der Besitzer des Gerätes ist aber natürlich doch insofern Fachmann, das er dem Kollegen Computer eine psychologische Diagnose im o.g. Sinne “Der spinnt irgendwie!” stellen kann. Ich bezeichne die Gruppe dieses Benutzertypus gerne satirisch als CCC (Chaos Computer Club). ;-)

    Ich könnte weiter fortfahren. Aber ich habe dazu keine Lust. Jeder macht Fehler in vielen Bereichen, und ich will nicht mit Dreck werfen. Hier ging es mir nur darum, fernab jener (doch eher bildungsbürgerlich angehauchten) Diskussion um Medienkompetenz und der Frage nach der Verantwortung von Schule/Staat ein genügend gerütteltes Maß an Entsetzen zu verbreiten, um die Brisanz der Situation und die Notwendigkeit zum entschlossene Handeln klarzumachen.

    Ergo:

    Frage an Radio Eriwan: Dürfen wir eigentlich weiterhin auf ein Unterrichtsfach Medien-/Informatikkompetenz verzichten?
    Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber googlen Sie das lieber nochmal nach…

  2. Wey-Han Tan
    Veröffentlicht am 19. Januar 2012 um 15:21 | Permanenter Link

    “Programmieren lernen, heißt planen lernen, heißt siegen lernen.”

    Die Sehnsucht nach einer kanonischen, statischen Welterklärung wurde mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken der Naturwissenschaften vermutlich durch eine Sehnsucht nach einer wirksamen und effizienten Methodik der Erkenntnis abgelöst. Comenius gelingt es noch, die Welt in Bildern und später Diderot & d’Alembert diese in alphabetischer Sortierung darzustellen. Heute gehört zum Alltag einer digital-vernetzten Welt die Wechselwirkung in komplexen (Informations-)Systemen und Schmetterlingseffekte jeglicher Art, in der sich Wissen fragmentiert und dynamisch zusammensetzt und damit gleichzeitig neu erstellt wird.

    “Medienkompetenz” – wie immer sie auch definiert werden mag – ist sicher einer der jüngsten Versuche, die Welt nicht zu erklären, sondern jedem das eine Werkzeug zur individuellen Welterklärung, -ordnung und -generierung an die Hand zu geben.

    Nun sind Werkzeugkästen mit nur einer Werkzeugkategorie mit Vorsicht zu geniessen: Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist, dann beginnt jedes Problem auszusehen, als sei es ein Nagel, wie Edsger Dijkstra 1978 warnt.

    Der Computer wirkt als allgegenwärtiges Informationswerkzeug quasi kulturbestimmend, steht aber als kybernetisches Artefakt auch für die Rückkopplung mit der Kultur. Nun sind Rückkopplungen bei Werkzeugen und gerade bei solchen der Erkenntnis nicht gerne gesehen, insbesondere wenn sie die Natur des Werkzeugs verändern.
    Das eine (fiktive) Generation von Kindern, die anhand von aktuell vorherrschenden Paradigmas objektorientierter Programmierung und anhand von den Regeln der Datenbankoptimierung ihre Welt gestalten, diese planen und lernen, wie Siege darin auszusehen haben – diese Welt würde in der Tat eine gänzlich andere Welt bzw. Kultur erschaffen, als wir sie augenblicklich kennen (und vielleicht bemängeln).
    Ob diese neue, hocheffiziente und -strukturierte Welt ‘besser’ oder ‘schlechter’ als unsere wäre, bleibt eine akademische Frage.

    Descartes’ Antwort auf Mersennes Idee einer die Wahrheit in sich führenden Universalsprache lautet z.B.:
    „Nun glaube ich zwar, daß solch eine Sprache möglich ist und daß man die Wissenschaft finden kann, von der sie abhängt und mittels derer die Bauern dann besser werden über die Wahrheit urteilen können, als es heutzutage die Philosophen tun. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sie jemals in Gebrauch kommen soll: Sie setzt große Veränderungen in der Ordnung der Dinge voraus, und es müßte erst die ganze Welt ein irdisches Paradies werden, was man nur im Land der Romane erwarten kann.“
    Descartes, zitiert in Peckhaus (2001), „Leibniz’ Pragmatismus“, S.2.

    Kritisch ist meiner Ansicht nach der Anspruch, einen einzigen, universalen Weg der Weltaufordnung zu suchen und als Lösung gerade drängender Probleme einzusetzen. Ich sehe keine wirkliche Gefahr, dass dies passieren wird, aber die Sehnsucht nach einem bindenden Königsweg der Weltaufordnung, von der ich anfangs sprach, scheint tief im Menschen zu sitzen.
    Medienkompetenz und Programmiertechniken sind m. A. nach dann statthaft, wenn sie es erlauben, auch auf sich selbst angewendet zu werden, d.h. wenn sie offen dafür sind, in ihren (kulturellen) Rahmenbedingungen – denn Medien sind Rahmen, innerhalb derer bestimmte artifizielle Regeln des Umgangs mit Informationen gelten – hinterfragt, modifiziert und auch missbraucht zu werden.

    Ich finde hier von Foersters Idee der gleichzeitigen Gültigkeit verschiedener Rahmungen einen interessanten Ansatz, dem auch z.B. Papert, Harel, Watzlawick, Bateson etc. folgen. Medien sind auf diese Weise betrachtet mehr als Container oder Werkzeuge sondern auch kulturelle und entscheidungstragende Standpunkte.
    Was für eine Frage ist also die Frage “Was bedeutet ‘Medienkompetenz’”?

    “Simply because the decidable questions are already decided by the choice of the framework in which they are asked, and by the choice of rules of how to connect what we call “the question” with what we may take for an “answer.” In some cases it may go fast, in others it may take a long, long time, but ultimately we will arrive, after a sequence of compelling logical steps, at an irrefutable answer: a definite Yes, or a definite No. But we are under no compulsion, not even under that of logic, when we decide upon in principle undecidable questions. There is no external necessity that forces us to answer such questions one way or another. We are free! The complement to necessity is not chance, it is choice! We can choose who we wish to become when we have decided on in principle undecidable questions.”
    - Heinz von Foerster (1993), “ethics and second-order cybernetics”

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