(e)Portfolio: Ökonomisierung des Selbst und Technik der Selbstsorge

Ein Vortrag von Stephan Münte-Goussar, Universität Hamburg
Dienstag, 21.4.2009, 18:15-19:45 im R504a

Zum Vortrag:
«Portfolio bezeichnet im Bildungsbereich eine Kollektion von Nachweisen über eigene Stärken, kommentierten Lernleistungen und Zertifikaten. Es dokumentiert eine lebenslange Kompetenzentwicklung, unterstützt aber insbesondere selbstgesteuerte Lernstrategien, deren Reflexion und Selbstbeurteilung. Gerade in seiner Variante als ePortfolio ist es untrennbar mit jener social software des so genannten web 2.0 verbunden. Das ePortfolio ist die pädagogische Variante jener neuen Formen authentischer Selbstthematisierung, ‑führung und -darstellung, welche das web 2.0 auszeichnen. Es reizt dabei Kompetenzbilanzierung ebenso an, wie es zugleich einzigartige Kreativität und persönliche Passion zu aktivieren verspricht.
Ähnlich wie das web 2.0 in seiner Selbstbeschreibung die ursprünglichen Utopien, die basisdemokratischen Partizipations- und Emanzipationsverheißungen des Internets revitalisiert und für sich reklamiert, greift auch der pädagogische Portfolio-Diskurs auf reformpädagogisch inspirierte Legitimationsfiguren zurück: Selbstbestimmung, Mündigkeit, Autonomie, Freiheit. Dabei wird aber Selbstbestimmung als Selbststeuerung reformuliert und klassisches Bildungsdenken in kybernetischen oder konstruktivistischen Varianten der Selbstorganisation aufgelöst. Begriffe wie Autonomie, Kreativität und Authentizität und die auf ihnen aufsitzenden kritischen Freiheitsdiskurse werden von den Rechtfertigungssystemen funktionalistisch-regulativer Diskurse absorbiert und Autonomie kaum merklich in kontrollierte Autonomie überführt.
Am Beispiel des ePortfolio lassen sich die seichten Übergänge nachzeichnen, die von einer aufgeklärt-humanistischen, an der Ermächtigung der Subjekte interessierten Pädagogik und Wissenstechnik hin zu einer neoliberalen Technologie des Selbst führen, die die Subjekte als Selbst-Unternehmer anruft, als eigenverantwortliche Manager und Marketing-Chefs ihrer Potenziale und Ressourcen, welche sie als ihr individuelles Humankapital in eine kreativ-industrielle Wissensgesellschaft einbringen.»

Zur Person:
Stephan Münte-Goussar wurde 1971 geboren und studierte in Hamburg Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft. Von 2001 bis 2003 begleitete er das Modell-Projekt „sense&cyber“ im Rahmen des BLK-Programms „Kulturelle Bildung im Medienzeitalter – KuBiM“. 2003-2004 erhielt er ein Promotionsstipendium der Universität Hamburg für die Arbeit an der Dissertation mit dem Arbeitstitel: „ePortfolio. Eine Selbst-Technik“.
Seit 2003 ist er freiberuflich als Kindertheater- und MultiMedia-Produzent tätig und war von 2004 bis 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter des *mms MultiMedia-Studios am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Dort arbeitete er an den Projekten study.log, ICON (Identityformation in contextual media culture), ePedagogy Design und ePush mit. Im Rahmen dessen war er ebenfalls am Aufbau und der Koordination des *mms-elb – eLearning Büro der Fakultät epb beteiligt.
Momentan ist er, seit Anfang letzten Jahres, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Bildung & Ökonomie, Sektion 1 – Allgemeine Erziehungswissenschaft.
Für weitere Informationen besuchen Sie bitte den blog von Stephan Münte-Goussar.

Die Übersicht über das Vortragsprogramm finden Sie hier im Medien-Bildung-Blog des *mms.

Kommentare sind geschlossen.

Top