Entgeisterung / Leistungs-/Belastungsbezogene Mittelvergabe

Juni 16th, 2008,

in der EPB- Fakultät

Die Einführung in diese so genannten „Leistungs-/Belastungsbezogene Mittelvergabe“ ist, so muss man einfach feststellen, das Eingeständnis der Entgeisterung auch an unserer Fakultät. Auf diese Spur weist schon der erste Satz unter dem Grundgedanken hin, der bezeichnenderweise sich nicht anders zu helfen weiß, als in einer Verneinung zu sprechen. Demjenigen, der eine solche Verneinung schreibt, muss zunächst der zentrale Gedanke eingefallen sein:„Es geht darum, die Mitglieder durch finanzielle Gratifikation, also äußerer Anreize zu motivieren. Es geht um einen komplexen sozialen Prozess der Entwicklung einer kooperativen Kultur“.

Dieser Gedanke wurde dann schnell verneint und wird zum programmatischen Vorwort.Es geht also darum, eine kooperative Kultur, die offenbar nicht existiert, zu entwickeln. Dies will man erreichen durch Geldanreize. Ein solches Anreizsystem fällt hinter die auch aus meiner frühen Schulzeit bekannten Methoden der Fleißkärtchen zurück; waren sie doch immer noch gebunden an die Unterstellung von Aufmerksamkeit, konnten sie verstanden werden als glitzernder Ausgleich für die eigene Anstrengung vergeben von einer geachteten, gefürchteten, manchmal auch geliebten Person.

Ein nun entwickeltes System, das letztendlich von der Quantifizierung von Leistungen lebt, ist ein Ausweis des Misstrauens in ein wie auch immer geartetes gemeinsames Begehren der Leute, die an diesem Fachbereich, an dieser Fakultät, in dieser Universität arbeiten.

Wenn es Kernziele der Organisation sind, Drittmitteleinnahmen zu erzielen, eine gewisse Quantität von Publikationen zu produzieren, die Lehrqualität messbar zu machen und die Nachwuchsförderung in Zahlen auszudrücken, die Zahl der abgelieferten Produkte in Form geprüfter Studenten zu erhöhen, dann könnte dieses Bestechungssystem funktionieren. Der Nebeneffekt eines solchen Systems ist es, dass man sich über vieles überhaupt nicht mehr streiten muss, dass es keiner inhaltlichen Diskussion bedarf, sondern dass man darauf verweisen kann, dass diese und jene Mittel verausgabt werden, weil diese und jene messbaren Leistungen erbracht worden sind. Das ist dann objektiv so. Man könnte auch sagen, dass das die Abschaffung von Freiheit und der gelebten Differenz durch einen erfundenen Sachzwang bedeutet. Die angeblich darin liegende Gerechtigkeit wird zu einem Zurechtstutzen, die Transparenz lässt erkennen, das dann, wenn viele „gut“ sind im Sinne dieses Systems, die einzelnen Guten weniger bekommen. Das ist ein Rückschritt gegenüber dem Ablasssystem der katholischen Kirche, die zumindest einen unerschöpflichen Gnadenschatz verwaltet.

Aber ich bin wahrscheinlich ein Romantiker, mir ist es nicht gegeben, ein „drittmittelstarker Professor“ werden zu wollen. Allerdings bin ich immer noch einer der nach Gesellung mit gemeinsamen, lebendigen Begehren strebt, das seine erotische Spannung aus der Differenz und Inkommensurabilität bezieht. Leider macht das auch verletzlich. So sehe ich mich oft zum schützenden Rückzug veranlasst, da ich nicht dauernd heroisch masochistische Neigungen entfalten kann.Offenbar ist es uns nicht gelungen, ich schließe mich da ein, eine Institution zu erhalten, oder zu begründen, die ein gemeinsames Streben durch begeisternde Ziele und eine sich gegenseitig begeisternde Gruppe von Lehrenden und Studierenden erzeugt, die darin indirekt auch soziale Kontrolle über die gemeinsame Sache in einem erlebbaren und überschaubaren und dadurch nicht immer greifbaren aber vernehmbaren Raum-/Zeitgefüge schafft. Man muss sich darüber klar werden, dass eine solche Mittelvergabe das Eingeständnis ist, dass uns inhaltlich (fast) nichts zusammen hält. Es sei denn in kleinen, fast freundeskreisartigen, insulären Grüppchen in der Institution und gleich auch jenseits derselben.Zusammenhalten können auch Differenzen, Inkommensurabilitäten, aber dazu müssen diese erst einmal anerkannt werden, zur Anerkennung braucht es eine Kultur des Zusammenarbeitens. Wir haben uns zu einem Punkt gebracht, wo dies durch die schiere Größe und Diversität der Fakultät nicht mehr möglich ist. Es kann offenbar auch kein Widerstand erzeugt werden, gegen die Zumutungen der sachfremden Bürokratie.

Einen handlungsanleitenden Rat weiß ich mir auch nicht. Ich kann mir nur vorstellen, neben dieser offiziellen Kultur der Fakultät, zu versuchen kleine Parallelgesellungen zu etablieren und die Geduld zu haben, vielleicht auch im Hinblick auf eine nächste Generation, dass das vorgeschlagene System sich selbst zerstört, das wird es unweigerlich tun. Auch der DDR haben Fünfjahrespläne und die Auslobung von Auszeichnung wie „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ nicht wirklich geholfen. Daran ändert auch nichts, dass unser System nüchtener und unideologischer daherkommt. Gerade dies ist notwendig, um nicht das fundamentale Misstrauen in Lehrenden und Forschenden aussprechen zu müssen.

Comments are closed.