Titelblatt des Workshopprogramms des Medienzentrums, SoSe 17. Darauf abgebildet ist ein venezianische Karnevalsmaske.

»Ich habe doch nichts zu verbergen!«

Titelblatt des Workshopprogramms des Medienzentrums, SoSe 17. Darauf abgebildet ist ein venezianische Karnevalsmaske.
Editorial des Programmheftes für die Workshops des Medienzentrums im Sommersemester 2017 (.pdf):
Hand auf’s Herz: Wie häufig hast Du schon Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien von Webseiten, Social Networks, Apps etc. einfach so akzeptiert? Wie häufig, ohne darüber nachzudenken, zugestimmt, dass eine bestimmte Webseite Cookies auf Deinem Rechner ablegen darf, also kleine Informationsschnipsel auf Deiner Festplatte speichert, um Dich später wieder identifizieren zu können? Viele Webseiten funktionieren tatsächlich nicht ohne die Nutzung von Cookies. Man könnte Cookies regelmäßig löschen – aber wie häufig tust Du das? Du nutzt Google für Recherchen – und findest es praktisch, dass Google oft die richtigen Vorschläge für deine Suchanfrage kennt, kaum, dass Du die ersten Buchstaben eingegeben hast. Du kaufst bestimmt auch mal bei Amazon ein, hast vielleicht einen Facebook-Account und bist Mitglied in der ein oder anderen WhatsApp-Gruppe, richtig?
Wir alle hinterlassen permanent Spuren
Wir alle nutzen täglich das Internet mit seinen zahlreichen Dienstleistungen, Kommunikationsplattformen, Einkaufsmöglichkeiten und vielem mehr. Dabei hinterlassen wir permanent Spuren. Ganz direkt, durch die Dinge, die wir freiwillig teilen, durch Likes und Kommentare in Social Networks, durch einen öffentlich geteilten Wunschzettel auf Amazon etc. pp. Aber auch indirekt durch jeden Klick auf einer Webseite, durch jede Route, die wir uns auf Google Maps anzeigen lassen, durch jede Nachricht, die wir über unser Handy verschicken und sogar einfach nur dadurch, dass wir unser Handy immer bei uns tragen: technisch kann jede Bewegung, jede Handlung, die wir in und mit digitalen Medien vollziehen, getrackt, gespeichert und potenziell in irgendeiner Art und Weise weiterverwendet werden. Und häufig genug geschieht das auch…
Man kann sich nun fragen: Ist das schlimm? Bei der riesigen Datenmenge, die rund um den Globus in jeder Sekunde produziert wird, steigt doch eh keiner so richtig durch. Da gehe ich doch in der Masse unter. Und selbst wenn, ich habe ja nichts zu verbergen! Und das bisschen Werbung, das mir angezeigt wird, das ist doch praktisch. Oder ich ignoriere es einfach.
Big Data ermöglichen eine immer bessere Mustererkennung
Allerdings sind es gerade die großen Datenmengen, die es immer einfacher machen, auch aus weitgehend anonymisierten Daten und digitalen Spuren auf die Person dahinter zu schließen. Stetig weiterentwickelte Algorithmen ermöglichen eine immer bessere Mustererkennung. Die Persönlichkeitsprofile, die über uns erstellt werden, werden immer genauer und detaillierter.
Die viel zitierte Aussage: »Ich habe doch nichts zu verbergen« ist aus mehreren Gründen problematisch: So werden zum Beispiel indirekt all diejenigen unter einen unbestimmten Generalverdacht gestellt, denen die eigene Privatssphäre wichtig ist. Doch auch, wenn wir glauben, nichts zu verbergen zu haben: Es kann immer passieren, dass man grundlos Ziel einer Rasterfahndung wird – und das u.U. nur, weil man sich im Internet einen iPod für 79,99 € gekauft hat. Darüberhinaus: wenn wir allzu freimütig mit unseren Daten umgehen, kann es sein, dass wir ohne zu Fragen auch Informationen über Andere öffentlich machen, z.B. über den Zugriff einer App auf unser Adressbuch.
Thema individualisierte Werbung: Ist es nur das Targeting, d.h. das möglichst individuell zugeschnittene Marketing, um das wir uns Gedanken machen müssen? Im Nachgang zur Trump-Wahl wurde heiß darüber diskutiert, welche Rolle die Nutzung von Persönlichkeitsprofilen für die individualisierte Wahlwerbung gespielt hat. Eine Firma namens Cambridge Analytica proklamierte den Wahlerfolg für sich, basierend auf einer Wahlkampfstrategie, die angeblich im großen Stil auf Big Data gesetzt hat. Zwar scheint sich das zum einen als große Werbekampagne für eben diese Firma zu entpuppen und zum anderen haben wir in Deutschland (noch) ausreichenden Datenschutz, um derartig manipulative Versuche im Bereich der Willens- und Meinungsbildung zu unterbinden. Dennoch zeigt die Diskussion eines sehr deutlich: Die Nutzung von Big Data zur Beeinflussung individueller Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse wird da eingesetzt, wo es möglich ist – prinzipiell überall.
Der technische Fortschritt macht es notwendig, dass wir unsere Privatsphäre aktiv schützen!
Heißt das nun, dass wir uns nicht mehr guten Gewissens im Netz bewegen können? Dass all die praktischen Dienste und Apps, die wir tagtäglich nutzen, die Webseiten, die wir besuchen, d.h. das Internet und »die Macher*innen dahinter«  tatsächlich so böswillig sind, wie uns einige mahnende Stimmen mit erhobenem Zeigefinger weis machen wollen – und unsere Freiheit durch digitale Medien bedroht wird? Natürlich nicht! Das Internet ist ein großartiger Raum für vielfältige, individuelle und freie Lebensgestaltung, ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unseres alltäglichen Lebens. Dennoch: Der technische Fortschritt macht es notwendig, dass wir unsere Privatsphäre aktiv schützen!
Datenschutz? Post-Privacy? – Ein Thema für die Schulen!
Zum einen können wir technisch einen Missbrauch unserer Daten so schwierig wie möglich machen ((Wie das geht, lernt Ihr in unserem Workshop »Wie schütze ich meine Daten?«)). Zum anderen müssen wir dafür kämpfen, dass wir auch auch auf lange Sicht ein Datenschutzrecht behalten, dass unsere Privatsphäre als schützenswertes Gut ernst nimmt ((In Deutschland steht die Reform des Datenschutzgesetzes kurz bevor. Wer die Diskussion verfolgen möchte: https://netzpolitik.org/category/datenschutz)) – und uns auch weiterhin die Freiheit gibt, das Internet so zu nutzen, wie wir das wollen. Das wiederum bedeutet: Rein in die Schulen mit den Themen informationelle Selbstbestimmung, Datenschutz und Post-Privacy!
In diesem Sinne freuen wir uns über eine rege Teilnahme an all unseren Workshops und wünschen einen guten Start in das Sommersemester.
Für das Team des Medienzentrums
Christina Schwalbe
Hier geht’s zur Anmeldung zu den Workshops…
 

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